Sex: Willst du wirklich alles von mir wissen?

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Menschen habe eine sexuelle Vergangenheit haben: Kerben im Bettpfosten, gebrochene Herzen, Beziehungsexperimente und liebgewonnene Fetische. Doch will ich wirklich wissen, was mein Freund mit seiner Exfreundin im Bett gemacht hat? Muss ich ihm erzählen, welche Traumata ich aus den letzten Beziehungen mitgenommen habe? Wie viel Recht hat jemand auf die erotische Vergangenheit und die sexuellen Geheimnisse einer Person? Der omnipräsente Ruf nach Ehrlichkeit und das Allheilmittel Kommunikation lassen uns gerne glauben, dass wir alles wissen müssen und erzählen müssen. Doch so einfach ist es eben doch nicht.

 

Wie wichtig ist Ehrlichkeit in der Partnerschaft?

Ehrlichkeit ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit: Wer ehrlich ist, ist authentisch, ist sympathisch, ist der bessere Mensch. Doch der systemische Paartherapeut Ulrich Clement sieht die Verklärung dieser Tugend als problematisch. Das fängt beim Beichten eines Seitensprungs an. Aufrichtigkeit muss den Fehltritt anscheinend verzeihlich machen – doch kann man sich einzig mit schamloser Offenheit freikaufen, ein Herz wieder heilen? Ist, wer die Karten auf den Tisch legt, frei von Sünde? Frei nach dem Motto: Ich hab dir doch gesagt, ich bin ein Arschloch – selbst Schuld, wenn du deine Gefühle nicht im Griff hast?

Diese Zwang, ehrlich zu sein, geht soweit, dass wir denken, dass nur ein Paar, das jedes dunkle Detail voneinander kennt, sich voreinander die Zehennägel schneidet und schlichtweg keine Geheimnisse hat, sich auch gegenseitig befriedigen kann. Ja, einen klitzekleinen Ehrlichkeitsfetisch haben wir da anscheinend entwickelt. Aber zu sagen, dass der One Night Stand zu Work & Travel-Zeiten bessere Oral-Sex-Skills hatte, geht wahrscheinlich niemandem leicht über die Lippen. Und das ist auch gut so, denn die Wahrscheinlichkeit, dass man den anderen unnötig kränkt oder gar verletzt, ist ziemlich hoch.

 

Let’s talk about sex?

Nur weil es ein Zaubermittel namens Kommunikation gibt, heißt es nicht, dass wir alles sagen müssen, was in uns vorgeht. Denn erstens entfaltet sich Bedeutung erst beim Empfänger. Wörter können auch zu Missverständnissen führen. Zweitens kann man nicht nicht kommunizieren. Das erste Axiom Paul Watzlawicks, seines Zeichens Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler So merken Menschen meistens auch ohne große dramatische Ankündigung, wenn etwas nicht stimmt.

Zudem kommt: Unter Kommunikation verstehen viele, dass man vor allem die schlechten Dinge kundtun müsse. Am liebsten reden wir über Probleme. Aber ist es denn hilfreich, seiner Barbekanntschaft die Komplexität des eigenen Organismus en detail mit Worten zu beschreiben. Die vielleicht spannendere Alternative:  Man lässt die andere Person erstmal auf ihre Art und Weise diesen neuen Körper erkunden, lenkt eher spielerisch und lernt im best case auch noch etwas Neues über sich selbst. Das geht allerdings leichter, wenn man noch nicht über jedes Detail unterrichtet worden ist.

 

Welchen Tipp habe ich für Beziehungen

Mindestens genauso schön ist es im Übrigen, wenn nicht alles ausgesprochen werden muss und trotzdem gemeinsam gefühlt wird. Manchmal kreieren erst die unentdeckten Ecken einer Person spannende Distanz, deren Überwindung neuen Wind bringt und noch mehr Vertrauen schafft. Denn gerade Ambivalenz, in diesem Fall das Spiel zwischen Nähe und Distanz, kann ungemein sexy sein.

Die Frage, die ich in der Paartherapie stellen würde ist schlichtweg jene: Tut es etwas zur Sache? Hat das zu Sagende eine Bedeutung für die Beziehung? Es macht Sinn, ehrlich zu sein, um den oder die andere zu warnen, oder um um Vorsicht zu bitten Und wer Lust hat, seinen Fetisch mit der Person, die einem nah ist, zu teilen, dem rate ich ebenfalls das Thema mutig anzusprechen. Aber nicht, weil wir meinen, wir müssen etwas tun.

 

Ehrlichkeit sollte ein Genuss sein

Wenn wir unser Innerstes teilen, dann weil wir es teilen wollen. Weil wir wollen, dass wir uns näher kommen - trotz des Schmerzes, der Peinlichkeit, der Scham. Wir dürfen die Nähe, die Intimität und vor allem unsere Ehrlichkeit genießen. Worte, Geheimnisse, sexuelle Vorlieben und Vergangenes sind eine Einladung , zusammen zu sein, sich näher zu kommen und sich gegenseitig noch mehr, noch tiefer zu erkunden. Am Ende, unabhängig von aller Liebe zur Zweisamkeit, der Neugierde des anderen, einer gemeinsamen Zukunft, gilt für das Seelenleben schließlich das Gleiche wie für einen Körper: My body is a temple and you are just a visitor.


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Das Original ist auf Zeitjung.de erschienen.

Bildquelle: Rowan Chestnut unter cc0 Lizenz