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"Erfahrung Paartherapie": Erika Kliever über Verzeihen in einer Beziehung

Verletzungen passieren auch in der schönsten Beziehung und lösen manchmal heftige Emotionsausbrüche aus: Wutanfälle, Tränen, Beleidigungen, Erstarren. Wie können wir mit starken Gefühlen umgehen? Und wie gelingt Verzeihen in einer Beziehung, wenn es bereits zu einer Verletzung kam? Zu diesen Fragen und ihren Erfahrungen aus der Paartherapie durfte ich die Paartherapeutin und Psychologin Erika Kliever interviewen.

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Erika Kliever bietet emotionsfokussierte Paartherapie in Berlin an und ich habe sie als sehr warmherzig, klar und empathisch kennengelernt. Außerdem bietet Erika in Berlin auch Workshops für Paare an, die sich in ihrer Beziehung wieder sicherer fühlen möchten.

Hallo Rika, Verletzungen können auch in der schönsten Beziehung passieren - und sie können zu heftigen Emotionen wie Wut und Trauer, führen. Hast du einen Tipp, wie wir ruhig bleiben können?

Erika Kliever: Auch wenn eine Emotion im ersten Augenblick sehr intensiv ist, können wir darauf vertrauen, dass sie auch wieder abflaut. Doch dazu müssen wir Emotionen auch zulassen. Wenn wir sie unterdrücken, kommen sie immer wieder hoch. So wie bei einem Ballon, den wir versuchen unter Wasser zu drücken. Er kommt immer wieder hoch und so bleiben auch unsere Emotionen immer da. Emotionen beruhigen sich dann, wenn eine Person sie zeigen kann und sich gesehen fühlt.

Trotzdem kann Wut oder extreme Trauer im ersten Moment für den Partner oder die Partnerin beängstigend wirken. Wenn wir heftige Emotionen „Zuhause“ erleben, kann es vorkommen, dass wir von den Emotionen überfordert sind und Partner*innen sich mit ihren Gefühlen alleine gelassen fühlen. Deswegen kann es hilfreich sein, bei diesen Emotionen in einer Paartherapie begleitet zu werden.

Was ist sonst noch wichtig für einen gesunden Umgang mit heftigen Gefühlen in einer Beziehung?

Erika Kliever: Emotionen können sich auf sehr unterschiedliche Arten bemerkbar machen. Oftmals sind Vorwürfe ein Zeichen dafür, dass jemand mit den eigenen Gefühlen überfordert ist. Doch es kann auch vorkommen, dass jemand wegen der emotionalen Überforderung gar nichts mehr fühlt – und dementsprechend auch nichts mehr sagt. Das ist wie ein Erstarren. Es muss nicht immer laut sein, wenn jemand „zu viele“ Gefühle hat – es kann auch sehr leise sein.

Auch wenn die eine Person oft so weitermachen will, als wäre nach einer Entschuldigung wieder alles gut, ist die andere oft noch nicht so weit. Wie kann Verzeihen in einer Beziehung funktionieren?

Erika Kliever: Was nicht funktioniert ist, die Verletzung schnell abtun oder runterspielen zu wollen oder darauf zu pochen, dass man sich schon entschuldigt hat. Was nicht hilft ist ein „Hey, es tut mir leid, aber ich hab das doch schon oft genug gesagt“. Das reicht nicht aus. Verzeihen ist ein Prozess. Um Verzeihen zu können, ist es notwendig, dass die Person, die verletzt wurde, ihren Schmerz ausdrücken darf. Erst wenn sie sieht, dass ihr Schmerz vom anderen gesehen wird und ihn/sie bewegt, kann sie verzeihen. Sie muss spüren, dass ihr Schmerz mitgefühlt wird und sie nicht alleine damit ist.

Warum ist es so wichtig, dass beide diesen Schmerz fühlen und nicht so tun, als wäre nichts gewesen?

Erika Kliever: Zum einen sieht die verletzte Person dann, dass er/sie dem anderen nicht egal ist. Noch wichtiger ist aber einen anderen Ausgang einer schmerzhaften Situation erleben zu dürfen. In dem Moment, in dem der eine Partner seinen Schmerz, seine Einsamkeit, seine Angst erlebt und dem anderen sagen darf, was er gebraucht hätte, kann er eine neue Erfahrung von Zusammenhalt und Nähe erleben.

Denn bei diesem zweiten Mal kann der Partner auch mit Mitgefühl und Empathie reagieren. Weil manche Dinge sich nicht rückgängig machen lassen, geht es um diese neue Erfahrung. Erst wenn wir in unserem Schmerz gesehen werden, haben wir das Gefühl, dass der oder die andere das verletzende Verhalten nicht jederzeit wiederholen wird. Er oder sie hat verstanden, wie schlimm es war.

Welche Rolle spielt Schuld dann beim Verzeihen?

Erika Kliever: Studien haben gezeigt, dass wir schneller verzeihen können, wenn wir beim anderen eine Reaktion von Scham sehen, während wir von unserem eigenen Schmerz erzählen. Wenn die andere Person im Erdboden versinken will und sagt, dass es ihr ehrlich leid tut, kann Verzeihen schneller funktionieren. Dabei braucht es auch gar nicht so ein gigantisches Schuldgefühl.

Das ist ein eher emotionaler Ansatz für Entschuldigungen. Was mache ich, wenn mein Partner eher rational ist und sich immer wieder rechtfertigt?

Erika Kliever: Schuld kann auch eine Blockade sein. Wenn die Schuld zu groß ist, neigen manche Menschen dazu, sich zu verteidigen und zu rechtfertigen. Dann ist es wichtig, dass der/die Paartherapeutin diesen Prozess bemerkt. Wenn die Verteidigungen den Schmerz nicht zulassen, kann dies noch mehr verletzen.

Doch natürlich kennt man seinen Partner oder seinen Partner selbst am besten und kann einschätzen, wie stark jemand gerade über seinen eigenen Schatten springt. Wenn der Partner sehr rational ist kann, reicht es manchmal schon aus, ein wenig Gefühl zu sehen und dies durch eine Paartherapie gespiegelt zu sehen.

Was für Paare wichtig ist: Verzeihen ist ein Prozess. Und Verzeihen funktioniert nicht in einer Sitzung. Niemand muss also am nächsten Tag entscheiden, ob er verzeiht oder sich trennt.

Schließlich sollten wir auch aus den „richtigen“ Gründen verzeihen. Wir sollten nicht nur verzeihen, weil es z.B. unser persönliche Wertemaßstab von uns will . Wir müssen aus tiefstem Herzen verzeihen, da der Schmerz sonst in einer ähnlichen Situation wieder hochkommt.  

Was ist dein Beziehungstipp für Paare?

Erika Kliever: Der erste Tipp ist das Aufsetzen der „Bindungsbrille“: Ich rate nicht so sehr auf die gesprochenen Worte zu achten, sondern viel mehr auf die Emotionen und (Bindungs-)bedürfnisse, die dahinter stehen.

Mit Bindungsbedürfnissen meine ich, dass wir alle das Bedürfnis haben uns in unseren Beziehungen verbunden, wertgeschätzt und aufgehoben zu fühlen. Wenn dies bedroht ist, kann das starke Emotionen in uns auslösen, z.B. Angst oder Traurigkeit. Manchmal nehmen wir diese verletzlichen Gefühle aber nicht wahr und tendieren dazu sie schnell zu überdecken, z.B. mit Vorwürfen, Kritik oder Rückzug.  Wenn wir die Bindungsbrille an haben können wir gelassener auf solche Situationen reagieren, sodass sie sich weniger hochschaukeln müssen.

Hast du ein Beispiel dafür, was du mit Bindungsbrille meinst?

Erika Kliever: Wenn beispielsweise mein Partner in vorwurfsvollem Ton zu mir sagt: „Nie bis du zu Hause! Ständig triffst du dich nur mit deinen Freundinnen!!!“ (fiktives Beispiel) dann könnte ich mich verteidigen und Gegenvorwürfe machen, oder ich kann dahinter vermuten, dass er sich vielleicht gerade von mir im Stich gelassen fühlt, meinen emotionalen Beistand braucht oder mich einfach nur vermisst – dass ich ihm wichtig bin und deshalb seine Reaktion so stark ausfällt. Ich könnte somit viel ruhiger reagieren und anerkennen: „Du hast recht, in letzter Zeit war ich wirklich viel unterwegs“ und nachfragen: „Hast du dich von mir vernachlässigt gefühlt?“.

Ich würde seine Antwort abwarten, meine Wahrnehmung teilen, mich ggf. ehrlich entschuldigen und einen Vorschlag machen, wie zum Beispiel.: „Es tut mir sehr leid, dass sich das für dich so angefühlt hat, als ob du mir gar nicht mehr wichtig wärest, denn das bist du. Was hältst du davon, wenn wir uns mal wieder Zeit füreinander nehmen? Wir könnten morgen Abend den Babysitter einladen und in unser Lieblingsretaurant gehen“. So bekommt die potenziell beziehungsgefährdende Situation einen völlig anderen Ausgang. Durch die Emotions- und Bindungsbrille aufeinander zu schauen kann helfen, viel liebevoller miteinander umzugehen.

Hast du noch einen weiteren Beziehungstipp?

Erika Kliever: Kommunikation müssen wir uns außerdem eher zyklisch als linear vorstellen. Verhalten hat immer eine Wirkung und diese führt zu neuem, anderen Verhalten beim Partner. Ein Beispiel: Eine Frau die sich im Wochenbett vernachlässigt gefühlt hat, reagiert in der Folge auch in ganz anderen Situationen sehr sensibel ist und beginnt, alles andere ebenfalls anzuzweifeln. Ihr Partner wiederum fühlt sich dadurch noch mehr unter Druck gesetzt und zieht sich noch mehr zurück. Durch die Kommunikationsmuster verstärkt sich dann dieser Kreislauf, in dem sie sich befinden. Je mehr sie meckert, umso mehr zieht er sich zurück und desto mehr meckert sie.

Wir dürfen aber nicht die Person mit unserem Kommunikationsmuster gleichsetzen. Er ist nicht per se der „Lonely Wolf“ und sie nicht die „Meckertante“. Auch hier kann eine Paartherapie oder eine dritte Person helfen. Wenn wir selbst in der Situation sind, fällt es oft schwer zu sehen, wie wir aufeinander reagieren und uns gegenseitig beeinflussen.

Was ist das Schönste in einer Paartherapie für dich als Paartherapeutin?

Erika Kliever: Das Schönste an einer Paartherapie ist zu sehen, was durch Liebe möglich ist. Dann, wenn Menschen nicht nur ihre Freude, sondern auch ihr Leid miteinander teilen. In einer Paartherapie können Menschen zeigen, wer sie wirklich sind und was ihnen wichtig ist. Auch die Intimität zwischen zwei Menschen wird spürbar. All das sieht man im Alltag oft nur selten. Paartherapie kann ein Weg aus der Oberflächlichkeit sein und hier können wir uns authentisch zeigen.

Außerdem haben wir mit der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) wirklich ein Verfahren, das funktioniert. Ich finde das Bild von Sue Johnson sehr passend: Ohne Fahrplan, den die emotionsfokussierte Paartherapie bietet, kann Paartherapie sein, als würden wir mit einem Hubschrauber durch einen Orkan fliegen. Doch da uns die Bindungs-und Beziehungsforschung mittlerweile so vieles an die Hand gibt, was Sue Johnson zu einem schlüssigen Modell und Vorgehen zusammengefügt hat, ist es eher so, als würden wir mit einer Boing durch den Sturm fliegen.

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Wie lange braucht eine Paartherapie?

Erika Kliever: Das ist ziemlich unterschiedlich. Die meisten brauchen zwischen 5 und 20 Sitzungen. Es kommt darauf an, wie groß die Probleme sind, was die Bindungsgeschichte ist (sowohl die individuelle Bindungsgeschichte der Partner als auch die gemeinsame) und welche Ressourcen vorhanden sind. Wenn beispielsweise Traumata im Spiel sind oder es viele Verletzungen gegeben hat, kann dies auch länger dauern.

Zuguter Letzt, wie beschreiben deine Klient*innen dich denn als Paartherapeutin?

Was ich immer wieder von meinen Klienten gehört habe ist, dass sie bei mir Dinge aussprechen konnten, die sie sich vorher nicht getraut haben auszusprechen oder sogar gar nicht über sich wussten. Ich finde, das ist eine sehr schöne Rückmeldung, da es bedeutet, dass sie sich bei mir sicher fühlen sich zu öffnen und sich auch mit ihren verletzlichen Seiten zu zeigen - eine wichtige Voraussetzung damit Paartherapie funktionieren kann.


Auf meinem Blog findest du Wissenswertes über das Lieben: Von Interviews mit anderen Paartherapeut*innen, über Kolumnen über Emotionen, bis zu Tipps bei Beziehungsproblemen. Eben alles, rund um Beziehungen, Dating, Trennungen, Verlieben, Emotionen.

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Verzeihen ist ein Prozess und kann gelingen - es braucht aber Zeit und Geduld. Wenn ihr merkt, dass ihr alleine nicht aus eurem Streitmuster ausbrechen könnt, kann ich euch helfen. Ich, Dr. Sharon Brehm, biete systemische Paartherapie und EFT-Paartherapie in München an. Meine Praxis für Paartherapie ist im Zentrum Münchens.

Fotocredit: JD Mason via unsplash